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Wer kommt mit nach Santiago?

6. August 1963

 

Heute beginnt mein Lebensweg. Es ist Sommer, das ist gut so; gerne liege ich vor dem Balkon unserer Erdgeschosswohnung auf der Strampeldecke im Garten; spüre die Sonne, betrachte die Farben, erfreue mich an den lächelnden Gesichtern meiner Geschwister. Noch ist die Welt Teil von mir und ich von ihr und sie hat sichere Grenzen. Im nächsten Sommer werde ich hier meine ersten Schritte tun; Wiese und Steingarten zwischen und hinter den Häusern am Heidensteil in Idar-Oberstein bilden für die kommenden Jahre mein Reich, und ich hätte es gerne für den Rest meines Lebens so behalten,- damals natürlich. Seit ich denken kann steht fest, dass ich später einmal Ulf Schrader heiraten werde, den blonden Jungen aus der Nachbarschaft. Uns verbindet eine solide Kinderfreundschaft, der gemeinsame Kampf gegen unsere älteren Brüder, die Jagd auf Uwe-spuck-mal, unsere Furcht vor dem Kindergarten, unser Faible für Cowboys und Indianer, sowie der gemeinsame Garten. Bei den Doktorspielen im Keller machen wir Nägel mit Köpfen: Ich bekomme Kinder von Ulf, und auch diese werden glücklich zwischen Steingarten und Wiesenhang aufwachsen...

 

Mit 5 Jahren erfahre ich, dass die Erde rund ist und hinter Bismarkturm und Felsenkirche noch weiter geht. Und dass Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden sind. Von welcher verbotenen Frucht habe ich gegessen? Von heute auf morgen habe ich mein Heim, meinen Garten, meine Eltern und Geschwister, sowie Ulf verloren und befinde mich bei meiner Oma in Ahrweiler. Erklärt hat man mir nicht viel, unter Scheidung kann ich mir nicht wirklich etwas vorstellen. Es ist ein langes, einsames, beängstigendes Jahr, auch wenn meine Grossmutter sich gewiss liebevoll um mich kümmert.

 

Meine Mutter kommt auf Besuch. Ich will nicht, dass sie wieder geht, aber sie muss ihr – und unser – Leben völlig neu erschaffen, einen Beruf erlernen, Geld verdienen, eine Wohnung finden, wenn sie wenigstens mich nicht verlieren will.

 

Mit 6 Jahren holt sie mich zu sich, in eine neue, graue, trostlose Welt, wir führen ein Hinterhofdasein in der Kasernenstadt Koblenz. Meine beiden älteren Schwestern sind inzwischen aus dem Haus und beginnen ihr Studium, mein Bruder lebt bei meinem Vater, und meine Mutter ist gesundheitlich sehr angeschlagen. Zwischen Ausbildung zur Krankenschwester, nächtlichen Arbeitsschichten, Gerichtskämpfen nach der Scheidung, Wut, Ohnmachts- und Schuldgefühlen hat sie wenig Zeit und Kraft, mir Trost und Halt zu spenden.

 

Der Kindergarten ist ein Alptraum, die Einschulung nicht minder. Da ich alleine aufstehe und mich fertigmache, vergesse ich teilweise, mich richtig anzuziehen und werde schnell zum Gespött der ganzen Schule. Auch nachmittags alleine unterwegs, werde ich immer wieder Opfer der Jungen aus der Nachbarschaft, die mich jagen, mich verhauen, mir die Rollschuhe wegnehmen, mich in den Kohlekeller sperren. Dann suche ich Rettung auf der falschen Seite und werde bald von meiner dominanten Klassenkameradin Gabi derart unterdrückt, dass ich ohne sie keine Entscheidung mehr fällen darf. Sie bestimmt, wann ich ein Hund, wann ich ein Pferdchen, wann ich ein liebes Kind zu sein habe, wann ich ja und wann ich nein sagen darf. Ich leide grenzenlos.

 

Mit 9 Jahren endlich folgt der Umzug in den Schwarzwald, für uns der Auszug ins gelobte Land. Meine Mutter findet eine Stelle in der Herz-Kreislauf-Klinik Waldkirch, meine extrovertierte Tante Erika wohnt in der Nähe und hilft bei der Wohnungssuche. Ich bekomme zum ersten Mal ein eigenes Zimmer, ein Bach plätschert vor meinem Fenster im Erdgeschoss, durch das Jahre später einmal die Verehrer steigen sollen, die Buben aus dem zweiten Stock freuen sich über eine neue Spielgefährtin, und bald ist die Welt wieder in Ordnung.

 

Mit meinen neuen Schulkameradinnen erobere ich die umliegenden Wälder, wir klettern über Felsen, bauen Indianerhütten, horten dort Schätze aus dem Süsswarenladen und erzählen auf Ehrenwort nicht auszuplaudernde Geheimnisse. Dazu kommt die Zeit der Barbie-Puppen, ein wenig spät vielleicht, doch nicht minder intensiv. Mit 13 bin ich zum ersten Mal verliebt, alles in allem hat es grade noch gereicht für einen normalen Wechsel vom Kind zur Jugendlichen. Eines aber wird sich nicht mehr korrigieren lassen, die Wurzeln, die der 5-Jährigen abrupt abgeschnitten worden sind, sind nicht mehr festgewachsen. Eine gewisse Ruhelosigkeit, sowie fehlendes Vertrauen in Beziehungen, sollen mich mein Leben lang verfolgen:

 

Oft – und besonders gerne, wenn meine Geschwister auf Besuch sind – gehen wir in die Berge, um Heidelbeeren oder Brombeeren zu pflücken. Im Spätsommer 1978 – ich bin gerade 15 geworden – ziehen meine Schwester Claudia, mein Schwager Hans-Werner, meine Mutter und ich wieder einmal los, um die Marmeladenbestände für den Winter sicherzustellen. Zwei grosse Eimer voller Brombeeren, sowie eine Milchkanne mit Haselnüssen sind unsere Ausbeute. Erschöpft lasse ich mich ins kniehohe sommerliche Gras sinken, lausche dem Sirren der Zikaden, sehe die Wolken treiben und döse vor mich hin. Halb Traum, halb Tagtraum nimmt folgendes Bild Gestalt an: Ich fahre weit, weit fort mit dem Zug, steige aus in einem fernen Land, und dann laufe ich los, allein, zu Fuss, von einem Ort zum andern, immer weiter. Jeder Tag ein neuer Aufbruch, jeder Abend ein neues Ziel. Ein grenzenloses Glücksgefühl durchströmt mich und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass dieser Traum eines Tages Wahrheit wird.

 

20. Oktober 2008

 

Inzwischen bin ich 45 Jahre alt. In das ferne Land meiner Träume kann man nicht einmal mit dem Zug fahren, sondern muss mit dem Flugzeug fliegen, denn ich lebe seit fast 20 Jahren in Ecuador, Südamerika, und leite dort eine Pferderanch. Vielleicht habe ich aber auch die Zugfahrt nach Südfrankreich gemeint, wo ich nach dem Abitur ein soziales Jahr im Kinderheim in Nimes absolvierte. Anschliessend Studium in Frankfurt, Entwicklungszusammenarbeit in Kolumbien, Familien- und Ranchgründung in Ecuador. Und noch immer jucken mir die Füsse.

 

So beschliesse ich: Heute beginnt mein Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Ich habe noch keinen Rucksack gepackt, keinen Wanderführer in meinem Regal stehen, und vor allen Dingen befinde ich mich noch gute 12.000 km von meinem Ausgangspunkt entfernt. Dennoch habe ich in den letzten Wochen und Monaten diese Idee entwickelt und heute im Internet meine Route gesucht, den Antrag auf Ausstellung eines Pilgerpasses ausgedruckt und für Anfang Juli 2009 den Beginn des ersten Streckenabschnittes geplant. Mein Ausgangspunkt, das ist klar, kann dabei kein anderer sein, als der, an dem ich vom Wandern träumte: meine alte Heimat, der Schwarzwald. Ein driftiger Grund, diesen im nächsten Sommer zu besuchen, liegt bereits vor: Meine liebe Mutter, die nach wie vor im Schwarzwald lebt und dort glücklich ist, feiert im kommenden Juni ihren 80. Geburtstag.

 

Die Jahre vergehen immer schneller, je älter wir werden. Das wissen wir alle. Manche wissen mehr, manche weniger, mit diesen Jahren anzufangen. Routine und Alltag überlagen allzu oft das Gespür für das Essentielle, Wichtige, Schöne; die täglichen Sorgen verhindern häufig die Wahrnehmung der täglichen Wunder. Nicht, dass es diese in unserem täglichen Umfeld nicht gäbe, aber manchmal hilft nur das Abstandnehmen, um unseren Blick wieder zu öffnen. Auch macht uns leider ein ums andere Mal oft nur die Konfrontation mit Hindernissen und Entbehrungen bewusst, wie wenig selbstverständlich doch das Selbstverständliche ist, wie gut ein frisches Glas Wasser oder ein Butterbrot schmecken können, und vor allen Dingen, wie wunderbar es ist, gesund zu sein.

 

Was schreibe ich also jetzt unter „Motivation“ im Antrag auf Ausstellung eines Pilgerpasses, ohne völlig aus dem Raster zu fallen? „Ich verspreche mir vom Begehen des äusseren Weges, mit seinen Begegnungen, Mühen, Entlohungen und Reflexionen eine Annährung an den inneren Weg und das Leben an sich.“

 

11. November 2008

 

Meine 13-jährige Tochter Anais hat ihrem in Deutschland lebenden ecuadorianischen Vater (wir haben uns getrennt als Anais 3, ihr Vater zog fort als Anais 5 war, die Geschichte wiederholt sich) zu Weihnachten ein kleines Büchlein über die „Schlüssel zur Freude“ gekauft. Bevor wir es nun auf die Post bringen, studieren wir gemeinsam darin und geniessen des Abends unser philosophisches Stündchen. Und voilá, da steht es schwarz auf weiss, auf Seite 42: „Practica caminatas solitarias con la mayor frecuencia posible. Esta es una de las maneras más rápidas y sencillas para ponerte en contacto con el ser esencial que eres.“ Einsames Wandern als einer der schnellsten und effizientesten Wege des zu-sich-Kommens, im Schnellschritt durch das Ego hindurch, zum spontaneren, nicht bewertenden oder kontrollierenden Kern unseres Wesens.

 

26. Februar 2009

 

Mein erstes Wanderjahr ist angebrochen, und der Ruf nach Aktion wird immer lauter, es wird mir langsam unheimlich: Welches Buch ich auch in die Hand nehme, welchen Kalender ich aufschlage, welchen Radiosender ich einschalte, und selbst, wenn ich zum Arzt gehe, immer wieder begegnet mir in letzter Zeit inhaltlich die gleiche Aussage: „Wir erschaffen uns unser Leben, unser Befinden, unsere Gesundheit, unsere äusseren Umstände selbst.“ Was wir denken, erwarten, erhoffen, fühlen, fürchten, materialisiert sich aufgrund der damit verbundenen Energie.

Allein der Fakt, dass mir diese Nachricht ein ums andere mal begegnet hat etwas energetisch Suspektes. Selektive Wahrnehmung? Sicher auch. Dennoch: ein Reis-Wasser-Gedanken-Experiment, was jedermann durchführen kann, auf das ich später einmal zu sprechen kommen möchte, untermauert die Energietheorie.

 

Auch der Jakobsweg ist mir so lange immer wieder begegnet, bis ich eine ursprünglich geplante Alpendurchquerung aufgegeben und seine Begehung geplant habe. Glaubensgründe kann ich nicht vorweisen. Was steckt hinter alle dem? Finde ich vielleicht wandernd eine Antwort? Vielleicht auch nur wunde Füsse?

Gibt es vielleicht tatsächlich einen Punkt, an dem sich Glauben, Wissenschaft, Physik und Metaphysik begegnen, sich auseinander ableiten lassen? Gedanken, Ideen, Energien, die sich materialisieren? Die Quantenphysik eröffnet neue Möglichkeiten. Archaisches Wissen um Schöpferkraft, ist das der wahre Ursprung göttlichen Empfindens im Menschen?

„Alles Existierende ist zunächst gedacht worden“, doch wer begann zu denken?

14.10.09 18:50


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1. Juli 2009

 

In Deutschland! Ein schöner Sommer! Heisse Tage, furchterregende Gewitter, alles fett und grün und üppig, die Obstbäume biegen sich unter dem Gewicht der Früchte, es ist wunderbar. Und so aufgeräumt! Die Strassen, die Häuser, selbst der Saum der Felder, klare Linien, alles sauber, ordentlich, müllfrei.

Welch ein Gegensatz zu Ecuador.

14.10.09 18:47





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